DIY Krimi

Fahrt ins Ungewisse

*1*

„Wenn ich doch nur so schreiben könnte“, seufzte sie und ließ sich auf den Fahrersitz fallen.
„Übung macht den Meister“, erwiderte er, schlug die Beifahrertür zu und schnallte sich an. Sie verdrehte die Augen.

Die Besucher der Krimilesung hatten die kleine Bücherei verlassen und machten sich auf den Heimweg. Als sie vom Parkplatz auf die Straße rollten und die Scheinwerfer einschalteten, bemerkten sie, wie dicht der Nebel war, der im Laufe des Abends aufgezogen war. Es war nicht untypisch, dass der Oktober hier solch unliebsame Überraschungen bereithielt. Am Tag wärmte die Herbstsonne noch, aber am Abend legte sich eine klamme Feuchtigkeit über das Land. Wie eine kühlende Kompresse, die dem sonnenverbrannten Boden nach dem heißen, trockenen Sommer Linderung verschaffen wollte.  

„Das wird ja eine lustige Heimfahrt“, stöhnte sie. „Hoffentlich ist das auf der Autobahn nicht mehr so schlimm.“
„Passt doch zur Krimistimmung“, lachte er.
„Du musst ja auch nicht fahren“, erwiderte sie.
Sie ließen das Ortsausgangsschild hinter sich und die Hoffnung, dass der Nebel sich schnell verziehen würde, zerschlug sich. Die breite Allee lag vor ihnen wie in Watte eingepackt. Die unzähligen Neubauten von Appartementhäusern zur Linken waren nicht zu sehen. Was aber auch nicht schade war, wie sie beide fanden.
„Erst einmal bräuchte ich eine gute Idee“, nahm sie den Faden wieder auf.
„Daran wird es doch nicht scheitern“, erwiderte er. „Jeden Tag passieren Verbrechen. Schau dir die Nachrichten an, da findest du genug Inspiration.“
„Aber es muss auch originell sein“, gab sie zu bedenken.
„Jede Idee war irgendwie schon da. Du wirst vermutlich nichts finden, über das nicht bereits jemand geschrieben hat.“
Schemenhaft nahmen sie links von sich die Umrisse einer ehemaligen Windmühle wahr, die jetzt ohne die Rotorblätter den Eindruck eines flügellosen Riesenvogels machte.
„Klasse, du bist echt motivierend“, nörgelte sie.
„Die Motivation muss aus dir selber, von innen heraus und nicht von außen kommen.“
„Klugscheißer.

Sie beugte sich vor und kniff angestrengt die Augen zusammen. Die Landschaft, die am Tage in tiefem Blau, Grün und Strohgelb zu beiden Seiten der Fahrbahn leuchtete, hatte sich hinter die schmutzig weiße Wand zurückgezogen. Man konnte nur ahnen, auf welcher Höhe der Strecke man sich befand. Schilder tauchten so unvermittelt aus der Dunkelheit auf, dass man sie erst sah, wenn man schon beinahe an ihnen vorbeigefahren war. Zu spät, um sie lesen zu können.

„Ich meine das ganz ernst. Du musst Dir darüber im Klaren sein, warum Du denn überhaupt etwas schreiben willst. Wenn du es nur tust, weil du Anerkennung willst, dann wirst du es auch schnell wieder aufgeben, wenn der Applaus ausbleibt. Gehätschelt werden wollen ist ein schwacher Grund.“

„Aber wollen das nicht alle? Malt ein Maler Bilder, um sie im Keller zu verstecken? Komponiert ein Musiker eine Oper, um nie zu erleben, wie seine Noten sich in klingende Melodien verwandeln?
Sie hatte sich in Fahrt geredet. Doch plötzlich schrie sie auf.


  (Claudia Wenk)

*2*

Das Quietschen der Bremsen nahm jedes Geräusch in sich auf. Dann … Stille.

Langsam öffnete sie die Augen, den Kopf vom Lenkrad hebend, den Blick nach rechts. Nichts. Sie schnallte sich ab, schaute auf den Rücksitz. Nichts.
Als sie den Blick nach vorne richtete, bemerkte sie ihn … dieses kleine weiße Zettelchen an der Scheibe. Beim aussteigen musste sie sich stützen, der Schwindel überkam sie so schnell wie er wieder verging.

Und dann stand sie vor dem Auto, streckte die Hand nach dem Zettel und hielt inne. Es war kühl, doch diese Kälte kam von innen, als sie bemerkte was auf dem Zettel stand: "Sue", ihr Name. Ein Zittern erfasste ihren ganzen Körper, sie schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern. Eben noch war sie auf dem Heimweg … von wo? Maler … Musiker … Autoren … Tom … Tom!?
Sue sah sich um, rief seinen Namen. Nichts. Immer wieder rief sie Toms Namen, schaute sich um. Das Auto muss sich mehrmals überschlagen haben, die Straße war nicht mehr zu sehen. Am Auto stützend ging sie zur Fahrertür zurück, ließ sie sich auf den Sitz fallen, Panik ergriff sie.

"Was ist hier los?!", flüstert sie leise. "Ich muss Tom suchen, ich muss Hilfe rufen, ich benötige einen Arzt, ich …" Sues Gedanken überschlugen sich, ihr Körper zitterte. Sie schloss die Augen und dämmerte weg.

Kopfschmerzen, stechend und stark. Langsam öffnete Sue ihre Augen und das erste was sie sah, war der Zettel. Sie griff nach ihrer Tasche, schüttete diese aus, doch was sie suchte, fand sie nicht. Keine Möglichkeit Hilfe anzufordern.
"Bleib ruhig … bleib ruhig, bleib ruhig, bleib ruhig" ermahnte Sue sich immer wieder.

Vielleicht hatte sie ihr Handy gar nicht dabei, sie war auf einer Krimilesung, sie saß am Steuer. Also ist es nicht ausgeschlossen, dass sie ihr Handy einfach zu Hause liegen gelassen hatte. Doch da war dieser Zettel und Tom, der spurlos verschwunden war.
Zittrig stieg Sue aus und hob den Zettel auf.

Dann bemerkte sie es.

(Crumb)
 
*3*

Der Zettel war mehrmals zusammengefaltet. Als Sie ihn auseinander faltete, sah sie, dass es sich um eine Drohung handelte.

Wenn Du Tom lebend wieder sehen willst, dann finde den Mörder meines Vaters Norbert Dinkel. Du hast genau eine Woche Zeit dafür.

Fassungslos starrte Sue auf die Nachricht. Ihr war der Name wohl bekannt. Norbert Dinkel war bis vor zwei Jahren ihr Nachbar gewesen, bis er eines Tages spurlos verschwand. Die Polizei suchte lange nach ihm und ermittelte in alle Richtungen, konnten aber weder ihn noch seine Leiche jemals finden. So stellte die Polizei die Ermittlungen ein.

Britta Dinkel und ihre Tochter Laura waren der festen Meinung, dass Norbert Dinkel ermordet wurde. Wochenlang ging die Geschichte damals durch die Presse. Sue war mit Laura eng befreundet gewesen, bis der Vater verschwand.
Sue hatte damals schon angefangen Krimis zu schreiben und war häufiger im Revier der Polizei, um für ihre Geschichten zu recherchieren. Laura war wohl deshalb der Meinung, dass sie Möglichkeiten hätte, an wichtige Informationen zu kommen.
Laut schrie Sue in die dunkle Nacht hinein: "Mist, Mist, so ein verdammter Mist!"

Der Kontakt zu Laura war damals eingeschlafen, weil Sue nicht mehr hören konnte, dass für Laura und ihre Mutter nur ein Mord in Frage kam. Die Nachbarn waren der Meinung, dass sich Norbert Dinkel abgesetzt hatte, aber davon wollte Laura nichts hören, obwohl es schon länger in der Ehe ihrer Eltern kriselte. Aber wie kam Laura dazu ihr zu drohen?

Als erstes musste sie hier weg, nur wie? Sie musste alle ihre Kräfte sammeln, um den Abhang zur Straße hoch zu klettern. Mehr stolpernd und fallend, erklomm sie den Abhang, den ihr Auto herunter gestürzt war. Immer wieder wurde ihr schwarz vor Augen und es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie an der Straße war.
"Oh mein Gott, wer hält denn in dieser einsamen Gegend an?" murmelte sie vor sich hin. Es dauerte aber nicht lange und ein Auto hielt.

Erleichtert wollte Sue gerade einsteigen, als sie erstarrte. Die Fahrerin des Wagens war Laura.

 (Regine)

*4*

Sues Körper begann zu zittern, doch als sie nochmal hin sah, saß dort nur eine junge Frau, die Laura ziemlich ähnelte. Das Fenster wurde runter gekurbelt:
„Alles ok? Sie sehen …. oh …“, die Frau stieg aus.
In diesem Moment brach Sue zusammen, ihre Kräfte schwanden und sie wollte nur noch eines, sich hinlegen und schlafen … einfach nur lange schlafen.

Piep – Piep – Piep. Immer wieder dieser Ton.
Schließlich blinzelte Sue:
 „Tom? … Tom, mach diesen Weckton aus …“, langsam öffnete sie die Augen.

Aber nicht in ihrem Schlafzimmer. Dieser Raum war ihr absolut fremd. Ebenso das Gesicht, welches auftauchte: „Frau Brecht? Schön, dass sie zu sich gekommen sind.“

„Wo… wo bin ich …?“, Sue sah sich irritiert um, doch es dämmerte ihr schon von alleine, noch ehe der Arzt es sagte:
„Sie hatten einen Unfall. Eine Frau wollte sie gerade mitnehmen, da fielen Sie in Ohnmacht.“ Er räusperte sich. „Es warten zwei Herren von der Polizei auf …“.
Sue erstarrte. Polizei? Der Arzt sprach weiter: „… Sie. Können Sie sich denn noch an den Unfall erinnern?“.
 „Das war kein Unfall! Und Tom, ich muss Tom suchen. Ich muss recherchieren, für Laura! Ich muss…“, doch da kam der Arzt in kurzen Schritten auf Sue zu und versuchte sie zu beruhigen
 „Frau Brecht, es ist reine Routine dass die Polizei bei solch einem Unfall vorbei kommt. Und dieser Tom, ist er Ihr Ehemann? Soll ich ihn benachrichtigen?“.

Sue wollte gerade antworten, da ging die Tür auf und die zwei Polizisten kamen herein. Aber sie sahen gar nicht aus, wie Polizisten aussehen sollten, wenn es um ein Verkehrsdelikt geht. Keine Uniform. Legere Kleidung. Sue brauchte nicht lange, um zu begreifen. Genügend Recherchearbeiten innerhalb der Polizei hatten sie gelehrt, wenn diese nicht in Uniform auftraten, geht es um viel mehr als eine Verwarnung und vor allem: "Es geht um dich!"

Der Arzt wollte gerade protestieren, da hob einer der Männer beschwichtigend die Hand:
„Alles gut Herr Doktor. Wie Sie gesagt haben, nur wenn die Patientin bei Bewusstsein und vernehmungsfähig ist. Ist sie! Sie ist wach und sie ist bei klarem Verstand!“.
„Ob Frau Brecht vernehmungsfähig ist oder nicht entscheiden nicht Sie!“

Der Mann der eben sprach, ging zum Bett von Sue, sprach dabei mit dem Arzt, fixierte jedoch sie mit seinem Blick: „Ich denke sehr wohl, dass ich das beurteilen kann. Frau Brecht war laut genug, um uns zu zeigen, dass sie erstens wach ist, und zweitens, genau weiß, dass der Mitfahrer vermisst wird. Und nun bitte ich Sie, Herr Doktor, uns unsere Arbeit machen zu lassen!“
Der andere Mann führte den Arzt hinaus und flüsterte ihm dabei etwas ins Ohr. Nachdem der Arzt den Raum verlassen hatte, nahm der Mann, der eben bereits das Wort ergriffen hatte, einen Stuhl und setzte sich neben Sue:
„Ich will nicht darum herum reden. Nachdem Sie im Krankenhaus aufgenommen wurden, wurde die Polizei benachrichtigt. Man glaubte es handele sich um einen Wildunfall. Aber dann wären wir ja nicht bei Ihnen, stimmt`s?!“, er räusperte sich, „Also Frau Brecht, was glauben Sie warum wir hier sind?“

Es klang kaum nach einer Frage, eher nach einem Test, aber warum? Sue glaubte die Polizei hätte vielleicht Tom gefunden oder den Zettel, doch es kam anders … völlig anders. Ihr schlimmster Alptraum wurde wahr.

(Crumb)


*5*

„Wir sind der festen Annahme, dass Sie Tom Held umgebracht haben, Frau Brecht. Ihr Auto gleicht einem Schlachtfeld. Der komplette Beifahrersitz ist von Blut durchtränkt. Wo haben Sie seine Leiche versteckt?“ fragte nun der stehende Polizist, der sich als Kriminalkommissar Karl vorgestellt hatte.

Panik ergriff Sue, wenn man sie jetzt verhaften würde, dann könnte sie die Nachforschungen nach Norbert Dinkel vergessen und somit auch Toms Leben. Seitdem Sue einmal in einer Sache recherchiert hatte, bei der jemand unschuldig für ein Verbrechen ins Gefängnis gekommen war, hatte sie deshalb immer wieder Alpträume gehabt, in denen ihr genau das passiert war.

„Ich habe Tom nicht umgebracht“ völlig verzweifelt fing Sue an zu weinen. Unter schluchzen versuchte Sie zu reden: „Ich werde erpresst und der Unfall ist auch nicht von mir verursacht worden, sondern von Laura. Aber es steht doch alles auf dem Zettel. Wo ist der Zettel?“

Die beiden Kriminalbeamten schauten sich skeptisch an. „Wir haben keinen Zettel gefunden und wer ist Laura?“ fragte Kommissar Karl „Beruhigen Sie sich doch bitte!“

„Laura Dinkel, die Tochter von Norbert Dinkel, der Kriminalfall ging vor zwei Jahren durch die Presse. Bis heute ist der Mann verschwunden und Laura denkt nun, da ich öfter bei der Polizei wegen meinen Romane recherchiert habe, dass ich eine neue Spur finden würde. Sie hat mir eine Drohung auf einem Zettel hinterlassen, dass sie Tom etwas antut, wenn ich ihren Vater nicht finde.“ Sue wurde von einem erneuten Weinkrampf übermannt.

„Beruhigen Sie sich doch bitte, Franz hole bitte den Arzt, so hat das keinen Zweck!“ Als der Arzt das Zimmer betrat machten sich die beiden Kommissare auf den Weg nach draußen.

„Komische Geschichte, glaubst Du Ihr?“ fragte Karl seinen Partner.

„Die Geschichte klingt schon sehr eigenartig, aber ich erinnere mich noch gut an den Fall Dinkel. Am besten schauen wir uns mal die alten Akten an und als erstes besuchen wir seine Tochter. Mal sehen, was die uns zu erzählen hat.“ Erwiderte Franz.
(Regine)

*6*

Kaum waren die Polizisten fort, betrat der Arzt den Raum. Sue verzichtete auf ein Beruhigungsmittel und griff sofort nach ihrer Kleidung, als auch der Arzt nicht mehr zu sehen war.
"Ich muss hier raus," dachte sie. Sie zog sich an, aber der Zettel war nicht mehr in ihrer Hosentasche. Egal!, So schnell sie konnte, schlich sie sich über die Flure und hinaus aus dem Gebäude. Da ihr Portemonnaie noch in der Tasche war, nahm Sue ein Taxi und fuhr direkt zu Laura. Die Adresse war leicht über das Handy zu finden.

Auf dem Weg zum Auto bat Karl darum, sich erst die Akten anzusehen.
"Oh mein Gott!“, sagte er, „Hey Franz! Franz!!“.
Dieser kam gerade mit zwei Kaffeebechern in den Raum. Karl schaute ihn schockiert an: „Du hattest nicht mit ermittelt oder? Ich meine, ich dachte du erinnerst dich an den Fall?! Ich habe gerade in der Akte geblättert, ebenso in den Zeitungsartikeln. Da stimmt was nicht!“.

Das Taxi war bereits seit einer halben Stunde fort und noch immer stand Sue auf der anderen Straßenseite. Nun hab dich nicht so! Toms Zeit läuft, und kaum hatte sie dies gedacht, sich selbst die Angst genommen, klingelte sie bereits an der Tür. Stille. Sie hämmerte und klingelte. Nichts tat sich. Sue wurde flau, aber sie musste es wagen. In ihrer Tasche kramte sich nach einer Haarnadel. Nichts. Also ging sie um das Haus herum, schaute sich nach Zeugen um und ging durch das Gartentor. Stockend hielt sie inne. Hinter dem Tor herrschte das Chaos. Überall lagen Trümmer des alten Autos von Norbert. Sie ist wahnsinnig geworden, ging es Sue durch den Kopf.
Ein leises Schaben, Sue schluckte. Dann bemerkte sie das Gartenhäuschen und schlich sich hin.

Die Fenster waren verschmutzt. Sue konnte nichts erkennen. Dann wieder dieses Geräusch. Langsam ging sie zu der Tür.

"Ich … ich dachte der Fall wäre … warum wurde das nicht kommuniziert?? Egal ob ermittelt oder nicht, das kann doch nicht einfach unter den Tisch fallen!“ Franz wurde immer lauter, während er mit dem Polizeichef sprach.
"Sei still!“ zischte Polizeichef Bauer „Hör zu, das ist nicht ganz so einfach …“
Franz wurde rot vor Zorn: „Einfach??? Nein, einfach ist hier gar nichts! Herrgott noch eins, was lief da damals?“
 Polizeichef Bauer schloss die Tür „Setz dich und hör zu! Norbert Dinkel ist nicht tot. Das weiß ich und das weiß Lauras Mutter Magarete und…“
Franz stand auf „Und was Bauer? Was? Die Zeitungen schreiben er sei unauffindbar, im Bericht steht ‚Abgeschlossen‘. Ich dachte hier sei ein Fehler und nun sagst du mir, dass der Dinkel nicht tot ist?! Was läuft hier?“
Polizeichef Bauer räusperte sich, dann klärte er Franz auf.

Sue verharrte in ihrer Bewegung. Ihre Hand umschloss den Türknauf, drehte ihn langsam. Mit einem Quietschen ging die Tür auf. Dunkelheit. Schaben. Das Quietschen der Tür. Sue schauderte, ging jedoch einige Schritte hinein. Es dauerte einen Moment, doch dann erkannte sie was sie vor sich sah, schlug die Hand über den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken.

Da war Tom, schwer atmend. Blut, da war so viel Blut. Er lebt! Erleichterung machte sich breit und Sue kniete sich zu Tom. In diesem Moment krachte die Tür ins Schloss.

(Crumb)


*7*

Polizeichef Bauer beendete seinen Monolog: „Und deshalb gilt der Fall als ‚Abgeschlossen'“. Franz war sprachlos. Der Polizeichef erhob sich, umrundete seinen Schreibtisch und setzte sich auf die Kante: „Es ist mehr als wichtig, dass du jetzt die Füße still hältst! Frau Brecht hat mit diesem Fall nichts zu tun. Ihr Mann ist verschwunden und der Zettel nicht mehr zu finden. Wir brauchen also keine schlafenden Hunde wecken, haben wir uns verstanden Franz!“ Es klang mehr nach einer klaren Vorschrift, anstatt einer Frage. Franz nickte nur und erhob sich, ohne noch ein Wort zu sagen.

Und da stand sie, Laura. Sue erkannte sie trotz der Dunkelheit im Raum. „Oh Sue … das ist also deine Recherche? Deine Zusammenarbeit mit der Polizei? Du Miststück! Hauptsache dein Freund ist gesund und munter?! Du machst dir nicht mal die Mühe nach meinem Vater zu suchen? Nein! Das war ja schon damals so! Mein Vater ist weg, spurlos verschwunden und du kehrst mir den Rücken!“ Laura wurde hysterisch „Und nun hast du die Möglichkeit die Freundin zu sein die du damals nicht warst … Und was machst DU??? DU BRICHST BEI MIR EIN!“. Sue kroch zu Tom, hielt seine Hand, wollte wissen, wie schlimm es um ihn stand, dann schaute sie Laura an. Fast flüsternd: „Laura … nein … so war das nicht. Ich wollte für dich da sein, ich wollte dir…“ Laura machte einen großen Schritt auf Sue zu, ging in die Hocke: „Nein Sue, DU wolltest einfach nichts mehr mit mir zu tun haben. Das ganze Spekulieren um meine Familie, dass passte nicht in deine Society-Welt.“ Je näher Laura kam, umso besser konnte Sue den Gegenstand in der Hand erkennen, ein Messer. Sie ist wahnsinnig, dachte Sue und schaute zu Tom. Dann war Laura verschwunden und der Raum tauchte in Dunkelheit. Tock. Tock. Tock.

Franz saß auf seinem Stuhl im Büro, ‚Ein Wort und du bist deinen Job los‘ waren die klaren Worte seines Vorgesetzten. Norbert Dinkel, angesehener Bürger, viel Geld, noch mehr Einfluss. Magarete Dinkel, lebte schon immer zurückgezogen, kam aus einfachen Verhältnissen, brachte Laura mit in die Ehe. Laura Dinkel, bei der Eheschließung der Dinkels knapp 2 Jahre alt, bereits damals auffälliges Verhalten. Mehr nicht, das waren im groben die einzigen Informationen an die Franz kam. Die Eckdaten, aber nichts genaueres über den Fall. Jegliche Details waren nicht zugänglich, mitunter wurden diese bereits vernichtet. Franz fasste einen Entschluss „Karl … wir müssen reden.“ Sein Kollege, mit dem er sich das kleine Büro teilte, sah ihn fragend an. „Was ich dir jetzt erzähle, könnte uns den Job kosten und ich will das du dir…“. Karl kam an seinen Schreibtisch „Erzähl!“

Tom atmete, das war das Wichtigste. Tock. Tock. Tock. Das Messer. Laura. Irgendwo in diesem Raum stand sie, wartend. Tock. Tock. Tock. Sue konnte kaum denken, dieses Geräusch machte sie noch wahnsinnig. Und Tom war gefesselt, nahm sie kaum wahr. Tock. Tock. Tock. Es kam näher.

Franz erzählte alles. Von dem finanziellen Einfluss der Dinkels. Von dem jahrelangen Missbrauch den Laura von ihrem Stiefvater ertragen musste. Von dem Mordversuch an Norbert. Lauras Drohungen mit dem Familiengeheimnis an die Presse zu gehen. Vom Abtauchen Norbert Dinkels.
„Das ist nicht dein ernst! Das haben die hohen Tiere vertuscht? Für gutes Geld … einen Pädophilen geschützt? Und diese Laura, die sucht den Dinkel jetzt, hat alles verdrängt? Die ist doch gefählich! Wenn das mit der Brecht und dem Zettel stimmt, dann …“ Franz erhob sich und nahm einen großen Schluck Kaffee „Und wenn ich tätig werde bin ich meinen Job los. Wenn nicht, dann bin ich ein schlechter Ermittler. Herrgott Karl, was mache ich denn jetzt? Ohne Beweise! Ich habe nur die Aussage von Bauer. Dieser Zettel ist unauffindbar und auch Dinkels Akte ist verschlossen!““ Sie schwiegen beide. Und beiden war klar, sie sind vor Beginn bereits am Ende ihrer Ermittlungen angelangt. Im Fall Brecht. Im Fall Dinkel.

Die Vögel um das Gartenhäuschen flatterten wild auf. Der Schrei durchzog die Stille.

Zwei Monate später erschien folgender Artikel in einer Zeitung:

Opfer & Täter ohne jede Spur

Seit zwei Monaten werden Sue Brecht & ihr Verlobter Tom Held vermisst.
Herr Held verschwand nach einem mysteriösen Autounfall. Zeugen konnten bestätigen, das er gemeinsam mit Frau Brecht nach der Krimilesung ‚Zimt, Nelken und der Tod‘ am 21.03.2016 mit dem Auto weg fuhr. Dieses verunglückte an der Schnellstraße B500. Frau Brecht wurde ins Krankenhaus gebracht und konnte sich nicht mehr an die vorangegangenen Stunde erinnern. In dem Unfallauto wurde Blut gefunden, welches sich nach der DNA-Analyse als das von Tom Held nachweisen ließ. Nachdem Sue Brecht noch im Krankenhaus von der örtlichen Polizei verhört wurde, verschwand sie danach. Einige des Krankenhauspersonals bestätigten, das Frau Brecht sehr hysterisch war und immer wieder betonte ihrem Lebensgefährten sei etwas schreckliches zugestoßen. Woher will Frau Brecht dies wissen, wenn sie sich denn nicht erinnern konnte?
Die Ärzte berufen sich auf ihre Schweigepflicht. Und die Polizei? Die damaligen Ermittler Franz Schmidt und Karl Meier sind kurz nach diesem sogenannten ‚Cold Case‘ versetzt worden.
Also können wir nur spekulieren! Freunde & Bekannte sagten schon damals aus, das es zwischen dem Paar Brecht/Held immer wieder Spannungen waren. Frau Brecht sei sehr frustriert über ihre nicht vorankommende Karriere als Autorin und dann nimmt ihr Lebensgefährte sie zu einer Lesung mit. Die Lesung! Denn es ging um die Autorin Sabina Schilling, eine ehemals gute Schulfreundin der Brecht. War dies zu viel, fühlte sich Frau Brecht vorgeführt? Konnte sie mit ihrem Versagen nicht mehr umgehen?
Was genau an diesem Abend geschah werden wir vielleicht nie erfahren. Bis heute hat die Polizei keine einzige Spur zu einer der vermissten Personen.
Wir trauern still mit der Familie Held!

(Crumb)

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